Unsere Gesellschaft wirkt in diesen Monaten angespannter als früher. Gespräche werden schneller scharf, Meinungen härter, Fronten klarer gezogen. Viele Menschen haben das Gefühl, sich positionieren zu müssen – und gleichzeitig Angst, dabei sofort in eine Schublade gesteckt zu werden.
Wer sich gegen Rechtsextremismus ausspricht, wird nicht selten als „links“ bezeichnet. Wer sich für Menschenrechte, Gleichberechtigung und Demokratie einsetzt, soll plötzlich eine politische Agenda verfolgen. Doch genau hier beginnt ein Missverständnis, das unserer Gesellschaft schadet.
Denn es gibt Werte, die keine Parteiposition sind. Sie sind die Grundlage unseres Zusammenlebens.
Menschenwürde ist keine Meinung
Die Würde jedes Menschen ist unantastbar – dieser Satz ist kein politisches Schlagwort, sondern ein Fundament. Er gilt unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Identität, Religion oder Lebensweise. Wer diese Würde infrage stellt oder relativiert, verlässt den Boden eines demokratischen Miteinanders.
Das gilt für jede Form von Extremismus. Egal, aus welcher Richtung er kommt. Extremismus beginnt dort, wo Menschen abgewertet, ausgegrenzt oder entmenschlicht werden. Wo Komplexität durch Feindbilder ersetzt wird. Wo Angst und Wut wichtiger werden als Fakten, Respekt und Verantwortung.
Eine klare Haltung dagegen ist keine Radikalität. Sie ist notwendig.
Warum so viel Wut im Raum steht
Es wäre zu einfach, aktuelle Spannungen nur moralisch zu bewerten. Viele Menschen sind verunsichert. Wirtschaftliche Sorgen, gesellschaftliche Veränderungen, persönliche Überforderung – all das erzeugt Druck. Wut entsteht oft dort, wo Menschen sich nicht gehört, nicht gesehen oder nicht ernst genommen fühlen.
Diese Gefühle verdienen Aufmerksamkeit. Aber sie rechtfertigen keinen Hass. Sie erklären Radikalisierung – sie entschuldigen sie nicht.
Eine demokratische Gesellschaft muss beides leisten: Sorgen ernst nehmen und gleichzeitig klare Grenzen ziehen.
Wenn Extremismus einfache Antworten verspricht
Extremistische Positionen wirken auf manche Menschen attraktiv, weil sie Klarheit versprechen. Sie teilen die Welt in Gut und Böse, Wir und Die. Sie reduzieren komplexe Probleme auf einfache Schuldige. Das kann entlastend wirken – vor allem in Zeiten der Unsicherheit.
Doch diese Vereinfachung hat ihren Preis. Sie zerstört Vertrauen. Sie spaltet. Und sie gefährdet genau das, was viele eigentlich suchen: Sicherheit und Zugehörigkeit.
Demokratie ist anstrengender. Sie hält Widersprüche aus. Sie verlangt Dialog. Und sie schützt Minderheiten – auch dann, wenn das unbequem ist.
Warum klare Werte nichts mit Ausgrenzung zu tun haben
Man kann offen für Gespräche sein und trotzdem klare Linien haben. Man kann zuhören, ohne alles zu akzeptieren. Und man kann Verständnis für Sorgen zeigen, ohne menschenfeindliche Positionen zu tolerieren.
Respekt endet dort, wo die Würde anderer angegriffen wird. Das ist keine Härte – das ist Verantwortung.
Eine Gesellschaft braucht diesen Mut zur Klarheit. Nicht laut, nicht aggressiv, nicht abwertend. Sondern ruhig, konsequent und menschlich.
Zusammenhalt entsteht nicht durch Gleichdenken
Vielfalt an Meinungen gehört zur Demokratie. Unterschiedliche Lebensentwürfe ebenso. Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass alle gleich denken – sondern dadurch, dass Unterschiede ausgehalten werden, ohne Menschen abzuwerten.
Dazu gehört auch, Extremismus klar zu benennen. Nicht aus Überlegenheit, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechte geschützt werden müssen – jeden Tag aufs Neue.
Haltung zu zeigen heißt nicht, andere anzugreifen. Es heißt, für etwas einzustehen, das größer ist als jede politische Strömung: die Würde des Menschen und das Recht auf ein Leben ohne Angst und Ausgrenzung.


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